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#14 - Warum spricht eigentlich niemand über die eigene Erwartungshaltung?

08.03.2022 – Blogbeitrag von Jakob
Dominic Schaudt schaut bei Workshop erwartungsvoll in die Runde
Erwartungen warten im Leben überall auf uns. In der Schule erwarten die meisten, etwas zu lernen, im Krankenhaus erwarten wir, gesund zu werden und wenn wir essen gehen, erwarten wir, dass uns das Essen schmeckt und/oder unser Hunger gestillt wird.

Was ist aber, wenn die Situationen komplexer sind? Was, wenn Du plötzlich neue Vorgesetzte bekommst? Dann haben in der Regel beide Seiten eine Erwartungshaltung an die jeweils andere. Wird diese aber eigentlich immer ausreichend kommuniziert?

Eine Erwartungshaltung steckt in uns allen

Denn tatsächlich sind die Beispiele, wie sie oben aufgeführt sind, eher die Ausnahme und menschliche Begegnungen selten so einfach, dass die Erwartungshaltung meines Gegenübers für mich sofort ersichtlich ist. Dabei warten Erwartungen in quasi jeder zwischenmenschlichen Beziehung auf uns. Denn unser Leben steckt voller zwischenmenschlicher Beziehungen. Ganz gleich, ob wir Arbeitnehmende oder Arbeitgebende sind, ob wir Kundschaft, Dienstleistende oder Verkaufende sind, ob wir Kinder, Eltern oder Großeltern sind, ob wir Freunde oder Liebende sind.

So divers wie die Menschen in diesen Situationen und Beziehungen sind, so verschieden sind auch ihre Erwartungen an sie. Denn auch die anfangs beschriebenen Situationen sind nicht einseitig. In der Schule wird von uns erwartet, dass wir aufmerksam sind und wir unsere Hausaufgaben machen. Im Krankenhaus erwartet man von uns, dass wir unsere verschriebenen Medikamente einnehmen und den Anweisungen des Personals Folge leisten. Im Restaurant wird von uns zumindest erwartet, unsere bestellten Speisen zu bezahlen.

Implizite und explizite Erwartungshaltung

Aber: auch wenn fast alle unsere Beziehungen komplex sind und eine wechselseitige Erwartungshaltung beinhalten, reicht es manchmal aus, wenn die Erwartungen unausgesprochen, also implizit, bleiben. Oftmals sind diese Erwartungen dann aber auch schon in unserer Gesellschaft verankert und dadurch angelernt. Wie zum Beispiel beim angesprochenen Restaurantbesuch, bei dem von uns die Bezahlung des Essens sowie in der Regel auch ein Trinkgeld für die Bedienung erwartet wird – in manchen Ländern wie den USA ist die Höhe dessen gewissermaßen festgelegt auf einen bestimmten Prozentwert.

Eine implizite Erwartungshaltung, die von unserem Gegenüber angenommen oder interpretiert werden kann, ist aber nur so lange in Ordnung, bis die Erwartungen nicht erfüllt werden. Denn die Konsequenz von unerfüllten Erwartungen ist Unzufriedenheit. Und in der Regel ist davon auszugehen, dass wenn eine Seite einer Beziehung unzufrieden ist, die andere Seite das entweder auch ist oder aber die Unzufriedenheit zu spüren bekommt. (Immer unter der Annahme, dass nicht eine Seite der Beziehung, die andere betrügen und/oder über den Tisch ziehen will.)

Nichts zu erwarten ist auch keine Lösung

Manche Menschen erwarten von manchen Situationen oder Beziehungen gar nichts mehr. Dass das keine Lösung sein kann, sollte aber eigentlich offensichtlich sein. Denn wenn wir nichts mehr erwarten, gibt es auch nichts mehr, was erfüllt werden kann. Soll heißen: nicht nur die Enttäuschung bleibt aus, sondern auch das positive Ergebnis. Stattdessen stellt sich Gleichgültigkeit ein. Und Gleichgültigkeit ist doch das Schlimmste, was uns passieren kann, oder etwa nicht?

Die Lösung sollte doch stattdessen sein, über die eigene Erwartungshaltung zu sprechen und die unseres Gegenübers zu erfragen. Denn das führt zu vielen Vorteilen:

Vorteile einer kommunizierten Erwartungshaltung

  1. Ganz offensichtlich: wir wissen, was die andere Person von uns möchte
  2. Wir können unsere Arbeit, unser Handeln, unseren Einsatz daran anpassen
  3. Niemand wird enttäuscht, stattdessen werden Erwartungen erfüllt
  4. Wenn die beiden Erwartungshaltungen nicht übereinstimmen, können wir einen Kompromiss finden, mit dem alle zufrieden sind
  5. Liegen die Erwartungen so weit auseinander, dass kein Kompromiss möglich ist, ist das ein Anzeichen, dafür, dass es vielleicht einfach nicht sein soll. Die Beziehung, sei sie privat oder geschäftlich, kann dann nicht funktionieren. Das mag vielleicht hart klingen, aber das zu verstehen erspart letzten Endes beiden Seiten viel Frust
Es ist verständlich, dass das mehr Arbeit ist. Und es ist auch verständlich, dass es nicht allen leicht fällt, darüber zu sprechen. Insbesondere wenn ein Machtgefälle vorliegt. Viele Angestellte sind sich gar nicht bewusst, dass auch sie etwas von ihren Vorgesetzten erwarten dürfen. Und viele Vorgesetzte machen sich nicht bewusst, dass auch „von unten“ etwas von ihnen erwartet wird. Die Erfahrung zeigt, dass wenn Vorgesetzte sich dessen nicht bewusst sind, die Mitarbeitenden sich auch nicht trauen, ihre Erwartungen an die Führung zu äußern. Insbesondere, wenn die Angestellten noch unerfahren sind und die Vorgesetzten eine nicht kompromissbereite Haltung nach außen zeigen (ob unbewusst oder bewusst, ist dabei egal).

Die richtigen Rahmenbedingungen

Damit insbesondere Mitarbeitende ihren Vorgesetzten ihre Erwartungen mitteilen, braucht es demnach die richtigen Rahmenbedingungen:

  1. Eine Vertrauensbasis. Je persönlicher die Erwartungen sind, desto stärker muss auch das Vertrauen untereinander sein.
  2. Manchen hilft es, Erwartungen anonym oder im Kollektiv mitzuteilen.
  3. Ein neutraler Gesprächsort (nicht das Büro des Chefs!) hilft dabei, ein mögliches Machtgefälle für den Moment auszuhebeln.
  4. Ein neutraler Moderator kann helfen, Erwartungen richtig einzuordnen, beispielsweise wenn diese völlig überzogen sind.
  5. Beide Parteien müssen das Gefühl haben, dass das eigene Anliegen auch von der Gegenseite ernstgenommen und nicht kleingemacht wird.

Aufkommende Kritik sollte dabei auf keinen Fall persönlich genommen werden. Berufliche Erwartungen orientieren sich immer an unserem Job, nicht an unserer Persönlichkeit! Also eigentlich alles Dinge, die zu einer gesunden zwischenmenschlichen Beziehung dazugehören.

Warum Erwartungshaltung ein agiles Thema ist

Dass sich die Erwartungshaltung verändern kann, ist das beste Beispiel, warum agiles Arbeiten funktioniert. Das regelmäßige Abklopfen von Erwartungen und Zielvorgaben ist ein elementarer Bestandteil des agilen Mindsets. Basierend darauf können rechtzeitig nötige Anpassungen vorgenommen werden. Das bedeutet aber auch, dass wenn sich unsere Erwartungshaltung ändert, wir aktiv auf die Person zugehen müssen, die sie betrifft.

Nach einem Austausch der Erwartungshaltung, fällt der Umgang mit konstruktiver Kritik auch deutlich leichter. Schließlich gibt es einen gemeinsamen Konsens, auf den Bezug genommen werden kann. Anschließendes Feedback hilft dabei, auch in Zukunft mehr Erwartungen erfüllen zu können und die eigenen Erwartungen realistisch zu gestalten.

Wir für unseren Teil möchten in Zukunft häufiger nach der Erwartungshaltung unserer Gegenüber fragen und das auch unseren Workshop-Teilnehmenden mitgeben. Also, was erwartest Du eigentlich von uns?

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